Veranstaltung mit Jan Gerber zur RAF – Bericht und Zusammenfassung

Jan Gerber – (Mit-) Herausgeber (zusammen mit Joachim Bruhn) des Buches „Rote Armee Fiktion“, welches im Freiburg ansässigen ca ira-Verlag erschien – hielt am 22. April im sogenannten IG Farben- Haus der Universität Frankfurt einen Vortrag unter dem Titel: „Rote Armee Fiktion – Die Stadtguerilla als Avantgarde des Antizionismus“.

Zu Beginn erklärte Jan Gerber, dass gegenwärtig drei Methoden geläufig sind um sich mit dem so genannten „Deutschen Herbst“ auseinanderzusetzen. Die erste wäre die der bürgerlichen Wissenschaft, die sich auch oder gerade im Medienbetrieb niederschlägt – ein Hin und Her von Anklage und Verteidigung, Anklage und Verteidigung, Anklage und Verteidigung usw. usf.. Die zweite wäre die linke Version der Auseinandersetzung, sie agiert sich im Gesinnungskitsch aus, wie sich deutlich an den letzten Veröffentlichungen einer Jutta Ditfurth ablesen lässt. Die Dritte und damit die letzte Art der Auseinandersetzung, die letztendlich auch der Referent bevorzugt(e), ist die der Ideologiekritik.

Das vielbeschworene Erbe der so genannten 68er zeigt sich mehr in der Partei „Die Grünen“ als – wie stetig betont – der RAF. Ist doch beiden die Abwehr der agniolischen Staatskritik gemein. Hing die RAF einem Staatsfetischismus nach, übte sie sich jedoch (und damit im Gegensatz zu Dutschke & Co.) in einer Kritik des Parlamentarismus. Die RAF halluzinierte sich dagegen kollektiv ihren Gegen-Staat (eine These die Felix Klopotek in dem oben erwähnten Buch ausführt) herbei; dies zeigte sich bspw. auch in den Forderungen der Gefangen aus der RAF nach einer Behandlung ihrer gemäß der Genfer Konvention und die Unterbringung des entführten Hans-Martin Schleyer in einem – als solches benannten – „Volksgefängnisses“.

In ihrem so genannten „Organisationsreferat“ stellten Dutschke und Krahl heraus, dass die Propaganda der Schüsse in der Dritten Welt, in der BRD bzw. der westlichen Welt ergänzt werden müsse durch eine Propaganda der Tat. Diesem Gedankengang lag die Annahme oder vielmehr der Glaube zu Grunde, dass das deutsche Proletariat, an sich revolutionär wäre; dass die Revolution trotz dessen nicht erfolgt(e), erklärten sie (und die ganze Bewegung) sich damit, dass das deutsche Proletariat verblendet sei – maßgeblich (und in einigen Köpfen wohl mit dem Zusatz: ausschließlich) durch die „Springerpresse“.
Dieser Glaube an das an sich revolutionäre Proletariat bildete auch den Hintergrund für das Denken und Handeln von RAF, RZ & Co..
Um die Verblendung aufzubrechen und das Proletariat in Bewegung zu versetzen, sollte der Faschismus aus den Institutionen „herausgekitzelt“ werden; die manipulative Gewalt, die man am Werke sah, musste sich erst wieder in offene Gewalt transformieren, damit die Arbeiter aufbegehren (das Ganze firmierte dann unter der Bezeichnung: „Entlarvungsstrategie“).
Verkannt wird dabei, dass – laut Gerber – seit 1945, die Klassen heutzutage nur noch soziologisch bestimmt werden können; das Proletariat ist heute harmonischer Bestandteil der kapitalistischen Verhältnisse.
Erschwerend kommt für die Programmatik eines bewaffneten Kampfes hinzu, dass sich der bürgerliche Souverän nicht einfach erschießen lässt.

Möglich dass durch all diese aufgezählten Umstände, Ulrike Meinhof sich die Revolution letztendlich nur noch als Pogrom vorstellen konnte; was sich dann auch in ihrem „Abfeiern“ des so genannten „Schwarzen Septembers“ ausdrückte.
Die RAF kam also letztendlich dort an, wo ihre „Bruderorganisation“, die „Bewegung 2. Juni“ aufgebrochen war.
Deren Vorläufer (einer u.a.), die „Tupamaros West-Berlin“ platzierten am 9. November 1969 – dem Jahrestag der Reichspogromnacht – eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus Berlin, die während der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Pogrome, explodieren sollte; glücklicherweise detonierte die Bombe nicht.
In diesem (versuchten) Attentat verschmolzen – laut Gerber – drei Elemente: Das erste Element ist die Antiimp-Liebe zu den Völkern: das Zweite, das eines „judenreines“ Faschismusverständnis, d.h. der Antisemitismus, der das konstitutive Element des deutschen Nationalsozialismus darstellte, wird schlichtweg ausgeblendet; und das dritte Element, war die wiederentdeckte Liebe zu Deutschland.

Bei der RAF kulminierte schließlich das Ganze im Dezember 1991, als sich zwei Militante der RAF an einer von einer palästinensischen Terrorgruppe in Budapest durchgeführten Aktion beteiligten. Der dort angeführte Anschlag galt einem Bus jüdischer Flüchtlingen aus Russland, die aufgrund des dort grassierenden Antisemitismus, nach Israel flüchten wollten; Ziel des Anschlags war es möglichst viele oder besser noch alle Insassen dieses Busses zu töten, was glücklicherweise nicht gelang.
Der Terror wurde damit endgültig zum Selbstzweck; es wurde keine politischen Forderungen in Zusammenhang damit erhoben oder auf eine symbolische Wirkung gesetzt – Ziel war einzig und alleine der Judenmord.

Dies war ein weiteres Mal, dass ein offenes Bündnis mit dem politischen Islam eingegangen wurde. Die Antiimperialistischen Zellen forderten dementsprechend auch die Linke auf, sich dem Islam anzuschließen. Der antisemitische Antizionismus und die Nazikompatibilität waren bereits im Konzept der Stadtguerilla und der Solidarität mit den Palästinensern angelegt, die sich auch immer als ein Kampf gegen die „Kolonisatoren“ ausagierte.
Der Antizionismus – die moderne Form des Antisemitismus, die ebenso auf nichts anderes als den (gewünschten) Tod der Juden hinausläuft – war das arbeitsteilige Einvernehmen (trotz aller sonstig beständig auftretenden Differenzen) zwischen den kämpfenden Gruppen und der legalen Linken. Der offizielle (mehr als brüchige – wie die Geschichte brutal (auf)zeigte) Philosemitismus, der noch Anfang der 60er Jahre in der BRD-Linken herrschte war nur komplementär dem späteren Antizionismus.

Die deutsche Linke – und im Besonderen die kämpfenden Gruppen – leistete somit ihren Teil für die Wiedergutwerdung der Deutschen.

Dies wurde auch nochmals in der darauf folgenden Diskussion mit Jan Gerber, zur Sprache gebracht, so war es die Gruppe „Revolutionäre Zellen“ die bereits 1979 (also kaum nachdem der Begriff „Holocaust“ durch den gleichnamigen Film in die Diskussion/ das Bewusstsein der BRD-Bevölkerung gebracht wurde) vom „Holocaust an den Palästinensern“ sprach.
Ein weiterer Punkt in der anschließenden Diskussion war, inwiefern wieder von mehr Leuten durchaus Gefallen an der RAF gefunden wird (bspw. als „Schnelle Eingreiftruppe“ gegen „Steuerflüchtlinge“ nach Liechtenstein oder andere „Volksschädlinge“), vor allem an ihrem (personalisierten) Antikapitalismus und ihrem Kampf gegen westliche Werte – und inwiefern dies vielleicht an Stammtischen u.ä. das Gefallen an „dem Hitler“ abgelöst hat.