Veranstaltung mit Ljiljana Radonic zu Psychoanalyse und suicide bombing – Bericht und Zusammenfassung

Am 29. April fand im Cafe Kurzschlusz der FH Frankfurt ein Vortrag mit Ljiljana Radonic aus Wien, mit dem Titel: „Mit Freud – Psychoanalyse im Zeitalter des Suicide Bombings“ statt. Ljiljana Radonic ist (Mit-) Herausgeberin des im Freiburger ca-ira Verlag erschienen Buches „Mit Freud -Gesellschaftskritik und Psychoanalyse“ und ihr Vortrag stellte auch mehr oder weniger eine Buchpräsentation des selbigen da, in deren Verlauf sie auch die Positionen einiger der in diesem Buch vertretenen Autoren bzw. deren Beiträge skizzierte.
Gleich zu Beginn des Vortrags machte Ljiljana Radonic darauf aufmerksam, dass der Titel dieser Veranstaltung heute schon nahezu veraltet ist, wo doch die iranische Bombe bereits am Horizont droht, und der Selbstmordanschlag, damit beinahe zu den veralteten Praktiken zu zählen sei. Jedoch – und diese Frage lies Ljiljana Radonic an diesem Abend bewusst offen – müsste man auch berücksichtigen, inwiefern vielleicht nicht der Iran, als suicide bomber unter den Staaten, als ideeller Gesamt-suicide bomber zu gelten habe.
Bisher beschäftigte sich die Psychoanalyse recht spärlich mit dem Thema des suicide bombings, was u.a. darin liegen könnte, dass es bisher eher zurückhaltende Äußerungen von seitens Psychoanalytikern zu gesellschaftlichen Problemen gab.
Die Frage, die sich unmittelbar im Zusammenhang des oben skizzierten Themenkomplex stellt ist die Frage, ob der von Freud aufgezeigte Todestrieb sich für eine Analyse des suicide bombings eignet; diese Fragestellung sollte später noch einen breiten Raum im Vortrag einnehmen.
Schon Adorno wies in seiner „Minima Moralia“ auf den Doppelcharakter der Freudschen Triebtheorie hin, die Regression der Psychoanalyse wäre somit keine Verfallsform, sondern ihr bereits immanent.
Denn eine Verflachung der Triebtheorie zieht der Psychoanalyse den gesellschaftskritischen Stachel. Solch eine Verflachung führt dann zu Ansichten wie, dass der Kampf gegen den Terror als Spiegelbild des Terrors selbst angesehen wird. Die Psychoanalyse verkommt zur Völkerpsychologie, die von Kulturen, Völkern oder anderen Kollektiven ausgeht und deren „Miteinander“ verstehen, regeln usw. soll; sie erstarrt im psychoanalytischen Jargon.
In der Freudschen Psychoanalyse jedoch, ist die Darstellung der Masse und des Kollektivs der Darstellung des Individuums nachgeordnet, d.h. das Individuum ist dem Kollektiv vorausgesetzt.

Der Todestrieb, den Freud in seinem Werk „Jenseits des Lustprinzips“ entwickelte, ist durchaus ein umstrittenes Element in seiner Theorie und er selbst bezeichnete ihn als den spekulativsten Moment seiner Theorie. Jedoch erlangt er gerade in den Zeiten des suicide attack erneut Geltung – stellt doch der politische Islam (neben dem Nationalsozialismus) die reinste Verkörperung des Todestriebs da, was sich u.a. in der islamistischen Parole: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“ artikuliert.
Radonic referierte im Folgenden weitgehend verschiedene Positionen einer – im Buch dokumentierten – Podiumsdiskussion, welche sich maßgeblich mit dem Todestrieb bei Freud befasste. Dort stellte Gerhard Scheit heraus, dass mit dem Todestrieb Freud nach einem Begriff der Totalität taste (ähnlich dem Begriff es Wertes bei Marx); in seiner Reinform ist der Todestrieb nicht in der Natur vorzufinden.
Freud selbst war – wie in Wien üblich (so Radonic) – weit weg vom dialektischen Denken; die Psychoanalyse neigt zur Ontologisierung.
Darin, den Tod nicht zu fürchten, sieht der islamische Attentäter die Rechtfertigung zur Weltherrschaft; eine Ähnlichkeit mit dem faschistischen Todeskult.
Natascha Wilting stellte dahingehend heraus, dass solange sich die Erziehung und Bildung in der islamischen Welt sich nicht ändere, der Todestrieb über den Eros triumphieren wird.
Der Einwand der sich gegen diese Vorstellung richten müsste, wäre, dass bei Freud der Todestrieb der Sozialisation vorgelagert ist.
In der anschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern sich die Psychoanalyse auf die Gesellschaft(-skritik) übertragen ließe und zu ihrer Stellung innerhalb der Kritischen Theorie.


1 Antwort auf “Veranstaltung mit Ljiljana Radonic zu Psychoanalyse und suicide bombing – Bericht und Zusammenfassung”


  1. 1 Zur Psychopathologie der Natascha Wilting « عبد القادر Pingback am 14. September 2008 um 23:29 Uhr
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