Folgender Text erschien erstmalig in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „light up – one line of defense“

    In memorian Ilan Halimi

- zum Verhältnis von Antisemitismus und Antikapitalismus

Am 13. Februar 2006 starb Ilan Halimi.
Seinem Tod voraus gingen über drei Wochen voller Qualen, Marter und Folter. Ilan Halimi wurde 23 Jahre alt. Er war Handyverkäufer in dem Pariser Vorort Bagneux, dort wurde er auch die drei Wochen über festgehalten und gequält. In den frühen Morgenstunden des 13. Februar, wurde er dann schließlich in der Nähe des Bahnhofs Sainte-Geneviève-des-bois, nackt, übersät mit Brandwunden und zwei Messerstichen im Hals gefunden. Auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb Ilan Halimi.
Verantwortlich für seinen Tod und das vorausgehende Martyrium, war eine Horde von neun Jungmännern und drei jungen Frauen, die jeweils unterschiedliche Aufgaben wahrnahmen – sie nannten sich selbst treffend: die „Gang der Barbaren“; ihr Anführer bezeichnete sich selbst als das „brain of barbarism“. Der Grund dass Ilan Halimi das Objekt ihrer sadistischen und letztendlich mörderischen Begierde wurde, lag darin: Ilan Halimi war Jude.
Aus dem regressiven Zusammenschluss der Einzelnen, in dem der Einzelne, sich als Individuum – zugunsten der Kollektivierung – selbst aufgibt und sich nur noch als Teil dieses Kollektives sieht, bildet sich das islamistische Racket: die „Gang der Barbaren“. Unterfüttert mit einer Ideologie die aus einer islamistischen Weltanschauung entspringt und sich in Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und (militanter) Gegenaufklärung artikuliert. So auch geschehen wenige Wochen zuvor in den Riots der Pariser Vorstädte, in denen sich die Wut und der Hass der islamistischen Rackets gegen alles was nicht der ihrigen Vorstellung entsprach, entlud: Frauen, die nicht bereit waren sich dem islamistischen Tugendterror zu beugen, liberale/ westlich geprägte Menschen, Homosexuelle und Juden.
So ist die Tat an Ilan Halimi durchaus als ein Resultat dieser Geschehnisse zu betrachten, die oben beschriebene Ideologie und ihre Formen der Artikulation scheinen ebenfalls, auch und gerade aufgrund dieser Geschehnisse, in das Bewusstsein weiter Teile der Bevölkerung eingedrungen bzw. vorhanden zu sein; wie lässt sich sonst erklären, dass alle Bewohner des Wohnblocks, in dem Ilan Halimi zu Tode gequält wurde, den Mund hielten; obwohl es allen aufgrund der öffentlichen Verlegung Ilan Halimis in den Keller des Wohnblocks und den wochenlangen Folterungen – wie die polizeilichen Ermittlungen ergaben – jeder und jedem des Wohnblocks bekannt sein hätte müssen 1 (vgl. chris 2006). Offensichtlich konnten die Täter sich bei ihrem Vorhaben auf ihre Autorität und den fest verwurzelten Antisemitismus in der Community bauen.
Die Feststellung von Jean-Paul Sartre, die er in seinem Text „Zur Judenfrage“ ausführte: „Was der Antisemit wünscht und vorbereitet ist der Tod des Juden.“ (Sartre 1994 S. 33) sollte sich wieder einmal mehr durch unerbittliche und grausame Weise, durch den Tod Ilan Halimis, bewahrheiten.
Antisemitische Ressentiments und Projektionen – seit Jahrhunderten virulent – brachen sich erneut auf barbarische Art und Weise Bahn. So lag die (Haupt)Motivation dieses Verbrechens – also solch eine, die offenbar auch offen in das Bewusstsein der Einzelnen dieser barbarischen Gang eingedrungen ist – an Geld zu gelangen. Ein Mitglied der „Gang der Barbaren“ sagte bei seiner Vernehmung aus, dass sie gezielt Juden entführen wollten, weil „die Juden haben viel Geld und halten sehr eng zusammen“ (zitiert nach: chris 2006). Die Entführerbande forderte 450000 Euro Lösegeld und rieten der Mutter von Ilan Halimi, die diese Summe unmöglich aufbringen konnte, in den Synagogen danach zu betteln.
Dieser, der Tat zugrunde liegende, antisemitische Wahn, zeigte sich auch darin, dass die Täter sehr wohl darum wussten, dass Ilan Halimi lediglich ein schmales Angestelltengehalt bezog, dass auch seine Mutter – die allein erziehende Mutter dreier Kinder – wenig Geld hatte und dass ebenso die jüdische Gemeinde von Bagnaux nicht gerade wohlhabend ist (vgl. Kunstreich 2006). Doch Realität und Fakten ändern nun einmal nichts an einem antisemitischen Wahngebilde, wie dem der „Gang der Barbaren“; die zudem frei von jeglichen zivilisatorischen Mindeststandards ist.
Der Jude, das Jüdische – wird in althergebrachter antisemitischer Art und Weise – in eins gesetzt mit Geld, mit der Zirkulationssphäre des Kapitals. Die Zirkulationssphäre, die im Kapitalismus notwendigerweise untrennbar mit der Sphäre der Produktion verknüpft ist, wird von dieser abgespalten und als eigenständig existierend wahrgenommen. Diese binäre Aufteilung der kapitalistischen Produktionsweise findet sich ebenso in der nationalsozialistischen Ideologie wieder: die – beinahe gnostische – Dichotomie von „raffendem Kapital“ und „schaffendem Kapital“.
Dabei steht das „raffende Kapital“ für die Sphäre der Zirkulation – das Abstrakte – welche mit den Juden, dem Jüdischen, assoziiert wird und eine negative Bewertung erfährt.
Das „schaffende Kapital“ steht für die Sphäre der Produktion – das Konkrete – die als arisch angesehen wird und (daher) eine positive Konnotation innehat2.
Der Kapitalismus wird nur unter Wahrnehmung des Abstrakten wahrgenommen – dem das Konkrete, das Produktive, das Schaffende diametral gegenübersteht. Wie bereits obenstehend erwähnt, erfährt aber nun auch das Abstrakte eine Vergegenständlichung – in der Gestalt des Juden; eine Biologisierung des Kapitalismus findet statt (vgl. Postone 2005 S. 189). Die Juden wurden „also nicht nur mit dem Geld, das heißt der Zirkulationssphäre, sondern mit dem Kapitalismus überhaupt gleichgesetzt.[…]Der Kapitalismus erschien nur noch als das Abstrakte[…]. Die Juden wurden nicht bloß als Repräsentanten des Kapitals angesehen […], sie wurden vielmehr zur Personifikationen der unfassbaren, zerstörerischen, unendlich mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals.“ (Postone 2005 S. 189f.). Im Gegensatz zu dem von ihnen nicht durchschauten Kapitalverhältnis, sind Juden und Jüdinnen für die Antisemiten – wie der „Gang der Barbaren“ – greifbar; und zudem ihnen zumeist auch schutzlos ausgeliefert.
Wie bereits beschrieben, beschränkt sich dies jedoch nicht nur auf einige wenige marodierende Banden, sondern ist gerade in den französischen Banlieues durchaus grundlegend vorhanden, wie u.a. die Riots und ihre Begleiterscheinungen bzw. Folgen vergangenen Jahres, drastisch gezeigt haben.
„Die « Gang der Barbaren », die den Mord an Ilan Halimi verübte, zeigt mit ihrem Namen, welche Perspektiven blühen.“ (Landgraf 2006).

Edward Gran, assoziiert im „comité liberté“, September 2006.

Chris 2006: http://www.beatpunk.org/stories/ilan_halimi.html

Haury, Thomas 2004: „Der neue Antisemitismusstreit der deutschen Linken“ in: Rabinovici u.a. (Hrsg.) „Neuer Antisemitismus?“, Suhrkamp, Frankfurt a.M..

Kunstreich, Tjark 2006: „Hate crime“ in: Jungle World Nr. 09 (1. März 2006).

Landgraf, Anton 2006: „Gnadenlose Projektionen“ in: Jungle World Nr. 09 (1. März 2006).

Postone, Moishe 2005: „Deutschland, die Linke und der Holocaust“, ca ira, Freiburg im Brsg..

Sartre, Jean-Paul 1994 : „ Überlegungen zur Judenfrage“, Rowohlt, Hamburg.

Tipp zum Weiterlesen: Justus Wertmüller: „Der Krieg der Vorstädte gegen die Frauen“ in Bahamas Nr.49.

  1. Vielmehr war es nicht nur allen bekannt, sondern scheinbar beteiligten sich auch Einige bei den Folterungen Ilan Halimis – zumindest als Zuschauer. [zurück]
  2. Das die „Sphäre der Zirkulation“ und der „Sphäre der Produktion“ in der kapitalistischen Produktionsweise untrennbar miteinander verbunden ist, sollte spätestens jeder und jede wissen, die sich einmal mit der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise durch Karl Marx beschäftigt hat. Doch auch und gerade in der Linken sind solche Muster durchaus virulent, u.a. mittels anschaulichen Darstellungen auf Plakaten u.ä.. Als ein Beispiel unter leider vielen Anderen, wäre hier die Organisation attac zu nennen; diesen wurde schon des öfteren – zurecht – (struktureller) Antisemitismus vorgeworfen. Attac wies solche Vorwürfe stets weit von sich; wie wenig die Kritik ernstgenommen wird bzw. überhaupt in das Bewusstsein der Einzelnen eingedrungen ist und wie unglaubwürdig das Zurückweisen dieser Vorwürfe letztendlich ist, illustriert bestens folgendes Geschehen: „Als der Attac-Ratschlag die Antisemitismus-Vorwürfe zurückwies, stand neben dem Podium ein Plakat, auf dem sich ein dicker Kapitalist mit Zigarre und Melone auf seinem Geldsack fläzte; vor ihm stand ein schlanker, auch noch blonder Arbeiter, der sich, auf seine Schaufel gestützt, den Schweiß von der Stirn wischte.“ (Haury 2004 (S. 157)) [zurück]